|
Und da saß ich nun im Bummelzug von New York
nach Idar Oberstein, nachdem ich gerade erfolgreich am Ärztekongreß
über postmortale Harninkontinenz teilgenommen & natürlich alle
in Grund & Boden debattiert hatte. Alles lief seinen üblichen Gang:
kurz vor Einfahrt des Zuges war meine Tasche auf die Gleise gefallen, weshalb
mein neu erstandenes Vibratorset jetzt leicht verbogen ist, zwei Mexikanerjungen,
die für ein geringes Bakshish Koffer für die Reisenden tragen,
verloren ihr Leben, als sie sich im Kampf um meinen Rollcontainer gegenseitig
gegen die Hochspannungsleitungen warfen & der Lokführer schoß
uns den Weg durch den Pöbel frei, der keine Platzkarte bekommen hatte.
Der Pöbel zog 'ne Flappe & verstreute sich dann.
Doch nun saß ich gemütlich im Zug, probierte alle meine neuen
Deosticks aus & erfreute mich an der Zugluft, als eine Stewardeß
bestürzt durch mein Apartment stolperte & schrie: "Sie muß
verrückt geworden sein... zur Hülf!" worauf sie durch mein offenes
Kellerfenster nach jenseits der Gleise sprang. Aber weit gefehlt.
Niemand war verrückt geworden, es lagen nur gehörige Mißverständnisse
vor, aber dazu später dann mehr. Plötzlich kam ich, um den Faden
wieder aufzunehmen, auf die Idee, meine Geschichte nicht mehr in der Vergangenheitsform
zu erzählen & das tue ich nun. Ich werde also, um die Spannung aus
dem Plot zu nehmen, dorthin laufen, woher die aufgeregte junge Dame gekommen
sein wird & dort feststellen, daß erstens ich barfuß in einer
Ölpfütze stehe & zweitens die Kuhüberreste, die sich am
seitlichen Fenster langsam in einer der Fahrtrichtung entgegengesetzten...
äh Richtung entlang schleifen lassen werden, darauf hindeuten können
würden, daß mit der 293,70 Euro teuren Zugfahrt etwas nicht stimmen
wird. Ich vermute später nachdem ich mit dem Futur ebenfalls gebrochen
habe, daß sich der Grund hierfür im Speisewagen befände;
nach einer Odyssee durch Nicht- & - Raucherabteils, Bordtelefone, verschiedene
Kulturmetropolen & ein heruntergekommenes Fischgeschäft würde
ich aber eines Besseren belehrt: Ich träfe nämlich den Lokomotivführer,
der mir erklärte, mein Konjunktiv wäre zutiefst unpassend &
die Lok spielt verrückt. Ich schleiche mich also in den Führerstand,
weiche eins, zwei entgegenkommenden Ampeln aus, die Ölflecke an meine
Füßen ein & frage die Lok entspannt, was los sei. Sie erwidert,
von mir jetzt kurz zusammengefaßt, ihre Probleme seien größtenteils
sexueller Natur (was ich ihr natürlich nicht glaube) worauf das gesamte
Publikum grölt. Daraufhin ist sie noch beleidigter & setzt gerade
an, die Schneise die sie eben in den Wald wälzt, Richtung Fluß
zu lenken, als ich aus dem gerade heimlich hervorgekramten Führer zum
"Umgang mit manisch depressiven Triebfahrzeugen" die einfühlsamen Worte
"Erzähl mir doch deine Geschichte" vorlese. Das lenkt die Lok für
ein paar Sekunden ab & noch bevor sie ihre halbfertigen Memoiren zur Hand
hat, kann ich einen Selbstzerstörungsmechanismus installieren & abspringen.
Als Paula, so hieß laut dem Aufdruck auf ihrem Tagebuch, auf das ich
einen heimlichen Blick erhaschen konnte, die Lokomotive, also als Paula klar
wird, was geschehen war & in Ermangelung von Extremitäten Extremisten
beauftragt, den Selbstzerstörungsmechanismus in die Luft zu jagen, diese
jedoch Geld & Plutonium dafür verlangen & das Wochenbudget von
Paula ausgeschöpft bzw. ihre Coupons längst verbraucht sind, versprach
sie, jetzt vernünftig zu sein, auf die Schiene zurückzukehren &
durch Überschreiten der Höchstgeschwindigkeit den Fahrplan wieder
einzuhalten. Ich bekomme langsam Mitleid & wieder einen präteritativen
Schreibstil, jedoch waren die voreingestellten 5 Minuten bereits um &
noch bevor ich die timbuktische Nationalhymne zum Entschärfen der Gravitonenbombe
hätte zu ende pfeifen können, flogen mir die Memoiren einer E- Lok
namens Paula um die Ohren.
Ich überflog sie rasch, anscheinend hatte Paula mir, zumindest der letzten
Eintragung nach, bereits vergeben & ich fand endlich den Grund für
ihre Traurigkeit. Der innige Körperkontakt mit anderen Lokomotiven,
den Paula brauchte, hätte bei den für sie typischen Geschwindigkeiten
verheerende Folgen gehabt & war ihr deswegen verboten worden, so steigerte
sich ihre Depression von Tag zu Tag & gerade heute wurde es ihr zuviel
& eigentlich hatte sie bis zum Zeitpunkt meiner Intervention vor, das
Lokomotivmuseum in Klein Aaknach zu besuchen, in das sie nun, aufgrund meiner
Bemühungen gebracht wurde, in Einzelteilen, natürlich... Den Schornstein
dürfte ich als Andenken behalten... wenn es eine Dampflok gewesen wäre.
Er schmückte dann heute den Tisch meines Verteidigungsministers.
Aber so...
Karl G.
|