Weltumsegelung

Unsere Generation hat es ja wirklich gut. Es bleibt noch abzuwarten, wie die Lebenserwartung unserer Nachfahren in Anbetracht des Wandels der Ernährungsgewohnheiten sich weiterentwickelt, ob die Allgemeinbildung in die vergeßliche Cloud outgesourced wird, mit was unsere Enkel bezahlen werden, wenn sich das mit dem Geld als Irrweg herausgestellt hat, ob die religiösen Hetzer des Finanzextremismus, des Lebensanschauungshomogenismus und der bürgerlichen Zwangstransparenzmachung es schaffen, die Kohorten aufeinander loszuhetzen und natürlich, wie lange wir noch auf genügend fermentierte Dinokäkel zurückgreifen können, um unsere privilegierten Gesäße auf transkontinentale Entdeckungsreisen jetten zu lassen.

Und just dies habe ich mir vorgenommen, bevor das Benutzen des Luftraums nur noch wenigen Benzinhortern möglich sein wird: Eine empirische Untersuchung, ob die Erde tatsächlich rund ist. Dazu werde ich darauf achten, mich auch wirklich nur ostwärts zu bewegen und dabei Zwischenstops an den Orten der Welt machen, an denen ich strategisch gute Freunde stationiert habe. Natürlich ist die gesamte Reise komplett uneigennützig! Als ausgewiesener Verehrer und Förderer von Krtek ist es meine Aufgabe, seine geopolitische Bildung voranzutreiben und in Bildern zu dokumentieren. Dazu nehme ich die Strapazen der Reise tapfer in Kauf.

Der erste Reisebericht über die überraschend kühle erste Station meiner Reise folgt.

Der Zensurbegriff

Zwischenfrage: Ede in Singsing bekommt ja seine Briefe immer erst, nachdem Karl-Heinz Redlich einen kurzen Blick dreingeworfen hat, Bedenkliches geschwaerzt und Kassiber komplett kassiert hat. Wie heisst die Taetigkeit, die Kalle dort ausuebt?

Nun stelle man sich mal vor, man saesse gar nicht ein, aber trotzdem gaebe es da einen Kalle, den man fuer jedes bisschen Text, das man lesen oder schreiben wollte, vorher fragen muesste. Der wuerde dann in einem dicken Katalog waelzen, ob das seine Ordnung haette. Und wenn er keine Bedenken haette, duerfte man die Information konsumieren oder niederlegen. Richtig: Auch das ist Zensur.

In letzter Zeit hoeren wir, auch von eigentlich gebildeten Menschen, dass die Web-Sperren keine Zensur seien. So argumentierte Heinrich Wefing in der aktuellen Zeit, dass das "Eine Zensur findet nicht statt" aus dem Grundgesetz ja im Konsens als "eine Vorzensur findet nicht statt" ausgelegt werden muesse. Somit sei das Ausfiltern einmal als unrecht erkannten Materials keine Zensur mehr.

Meines Erachtens nach war dieser Konsens jedoch eine blosse Verneigung vor der Realitaet, dass es bis dato technisch schlicht unmoeglich gewesen ist, auf der Konsumentenseite mit der Zensur anzusetzen. Die Moeglichkeit, Druckwerke in grosser Zahl zu verfielfaeltigen, war einigen grossen Spielern vorbehalten, die im Zweifel zusammengerufen und kontrolliert werden konnten. Man konnte frei publizieren und konnte als Verantwortlicher fuer Druckerzeugnisse, die strafrechtliche Konsequenzen nach sich zogen, belangt werden.

Neu ist, dass nun nicht mehr die Publikation, sondern die Rezeption jedes Werks im Internet ueberwacht und im Zweifel zensiert oder gar sanktioniert werden soll. Im Netz muss man fuer foermlich jedes Informationszipfelchen die Nameserverinfrastruktur bemuehen. Pro geklickter Webseite koennen das schnell mehrere dutzend Anfragen sein. Und genau bei den Nameservern setzt das Gesetz eine Armada von Kalles an seinen individuellen Index Librorum Prohibitorum.

Man kann sich die Tragweite dieser Massnahme in die reale Welt uebertragen kaum vorstellen. In allen Bibliotheken und Buchhandlungen muesste man mit dem Buch, das man gerade kaufen moechte, noch vor der Kasse bei Kalle vorbei und haette mit Sanktionen zu rechnen, hielte man das falsche Buch in der Hand. Doch die Analogie fuer das Netz-Sinnesorgan "Browser" ist hier noch zu duerftig: Allein das Betrachten von Buechern im Schaufenster der Buchhandlung, das kurzfristige Aufflackern eines Plakats an einer Litfasssaeule schon waere eigentlich einer Erlaubnis beduerftig.

Nun ist das Zensurgesetz also um Magnituden monstroeser als alles, was bisher unter dem Begriff "Zensur" durch unsere Kulturgeschichte humpelte. In Ermangelung eines drastischeren Begriffs fuer dieses Ungetuem sei es jedoch erlaubt, vorerst den noch harmloseren Ausdruck zu verwenden.

Papieraequivalente Authentizitaet

Fuer den durchschnittlichen Bildungsbuerger sind memory holes ein Haushaltsbegriff. In digitalen Medien geht das mit dem "schnell was unbehauptet machen" noch schneller. Binsenweisheit, ich weiss. Trotzdem eine kurze Veranschaulichung.

Jedem Computerbesitzer, der schon einmal ein Bildbearbeitungsprogramm geoeffnet hat, sollten Nachrichten der Art, dass Filesharer anhand von Bildschirmausdrucken des p2p-Tools auf dem Rechner von Strafverfolgern – oder schlimmer gar: privater Rechteverwerter – Strafanzeigen kassiert haben, zumindest ein Stirnrunzeln hervorlocken.

Verweise der Art "http://test.com/seite.html abgerufen am 24.12.1978" machen dann Sinn, wenn web.archive.org dort just zu diesem Tag vorbeigekommen ist und von der /robots.txt nicht ausgeladen wurde. So rechte Beweiskraft, eventuell gar im juristischen Sinne, duerfte aber auch web.archive.org nicht geniessen. Das auch, obwohl diese Quelle fuer mich plausibel genug als neutral gilt.

Eine Nachricht im Papier-SPIEGEL kann ich auch Jahre spaeter noch als Quelle oder Beleg in Papierform aus meinem Keller wieder hervorkramen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mir in der Druckerei meiner Wahl einen eigenen SPIEGEL gefaelscht habe, ist gering. Zur Not liegt ein Pflichtexemplar aller ernstzunehmenden Publikationen bei der Staatsbibliothek als Referenz.

Anders bei SPIEGEL Online. Einige Autoren sind dafuer beruehmt, dutzende Revisionen eines Artikels in hoher Frequenz zu "updaten". Nachvollziehbar ist ja noch, dass sie – seit sie den Lektor abgeschafft haben – dauernd Rechtschreib- und Grammatikprobleme korrigieren muessen. Wir sehen aber in letzter Zeit den Trend, kommentarlos einst Behauptetes zu entfernen, Ueberschriften abzumildern oder zu verschaerfen. Andere Zeitungen ziehen gar ganze Artikel zurueck. Wenn man Glueck hat, findet man diese noch in seinem Browsercache. Den Beweis zu fuehren, dass dieses elektronische Dokument auch wirklich vom Server der Zeitung geladen wurde, wird dem Leser aber schwerfallen.

Nun ist ja nachzuvollziehen, dass die (Online-)Magazine nicht ALLE Ausgaben umsonst ALLEN zur Zitatspruefung zur Verfuegung zu stellen wollen. Ich will aber dasselbe Mass an Nachvollziehbarkeit und Belegbarkeit von Veroeffentlichungen der sich selbst ernst genug nehmenden Medien! Und zwar im selben Sinne, wie ich das mit den Papierzeitschriften auch konnte. Ich komme deshalb nicht drumherum zu fordern, dass Pruefsummen aller Revisionen an einer oder mehreren unabhaengigen Stellen hinterlegt werden, gegen die ich als Leser und Zitator meine Kopie, aus der ich zitiere, belegen kann.

Hier bieten sich natuerlich zuerst die Bibliotheken an, die Listen von signierten Pruefsummen vorhalten und bei Disput als autoritative Quelle zum Vergleich herhalten koennten. Diese Signaturen muessten alle teilnehmenden Publikationen leisten - und dass fuer jedes Update.

Weiter sollen auch Bibliotheken selbst eigene Signaturen auf einzelne Zitate aus einer spezifischen (dann im Volltext vorgehaltenen) Revision eines Online-Artikels herausgeben. Um journalistische Standards zu unterstuetzen und einer breiten Masse an Schreibern das Zitieren zu ermoeglichen, muss dieser Zitatsdienst natuerlich kostenfrei zur Verfuegung stehen.

Wie genau dies umgesetzt wird, werden viele schlauere Leute als ich gewiss ausbaldowern. Einzig: Das Wohlfuehlgefuel beim Lesen eines Online-Blattes (und dabei schliesse ich "Qualitaetsblogs" explizit mit ein) stellt sich erst ein, wenn nicht yesterdays news im digitalen memory hole verschwinden koennen.